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Re-Branding von Cannabis: Von Kiffer-Klischees zur neuen Cannabiskultur | Gesellschaft | BR KulturBühne

legalized it. Und jetzt?

Während der Konsum von Cannabis immer normaler geworden ist, gesellschaftlich immer mehr Akzeptanz erfährt, sind die Insignien des Kiffers verschwunden und das Selbstbild des Cannabis rauchenden Sofarebellen ins Wanken geraten. Headshops waren management. Die Kundschaft von heute geht in “Contemporary Smoke Shops”.

Superette hat 2019 in Kanada den ersten legalen Cannabis-Shop eröffnet.  Das Design: so fresh and so clean.  Aus:

Superette hat 2019 in Kanada den ersten legalen Cannabis-Shop eröffnet. Das Design: so fresh and so clean.

Wohin sich Szene auch hierzulande hin entwickeln könnte, zeigt ein Blick über den Atlantik, wo man schon ein paar Schritte weiter ist. An der US-Westküste und in Kanada hat man den Anbau und Verkauf der Droge schon vor Jahren legalisiert. Dort hat sich eine kleine, aber wachsende Branche etabliert, die sich gerade aufmacht, die Cannabiskultur neu zu erfinden und mit alten Klischees zu brechen, wie das Buch “High on Design – The New Cannabis Culture” illustriert.

Waren die Stereotype von Cannabiskonsument*innen bisher überwiegend männlich dominiert und oft negativ konnotiert – vom dauerbreiten Langschläfer, dem alternativ gekleideten Hippie mit Rastas, bis zum verpeilten Kleinkriminellen (wie etwa im deutschen Film “Lammbock”) – zeichnen sich die Vertreter*innen der Szene durch hochwertige Produkte, schickes Design und vor allem ihre Weiblichkeit aus. Die Future is also here: female.

“Designing a Culture”

Mit der Legalisierung habe es nicht lange gedauert, bis die Kiffer-Stereotype in Frage gestellt wurden und Unternehmen das breite Spektrum der Erwachsenen erkannt haben, die sich für Cannabis interessieren, resümiert Anja Charbonneau im Einleitungstext des Buchs. “Die Möglichkeit, eine ganze Subkultur neu zu interpretieren, hat man nicht oft. Und für gestalterisch denkende Menschen ist es extrem reizvoll, ein so unendliches und unerschlossenes Potenzial zu erkunden.”

Broccoli ist ein

“Broccoli. A Magazine for Cannabis Lovers” wird ausschließlich von Frauen gemacht.

Anja Charbonneau ist Chefredakteurin und Art Direktorin von Broccoli, einem “Magazin für Cannabis-Liebhaber*innen”, das seit 2017 von einem ausschließlich weiblichen Team in Portland, Oregon gemacht wird. Broccoli erscheint dreimal im Jahr und berichtet etwa über indigene Cannabis-Bauern in Kolumbien, die um einen Platz auf dem legalen Cannabis-Markt abseits von internationalen Konzernen kämpfen. Die Autorinnen sprechen mit der CEO eines Testlabors über Bio-Gras oder reflektieren Drogenmissbrauch und Suchtverhalten. Dazu: Fotostrecken von in Rauch gehüllten Blumen mit Joints, florale Designs, viel Pastellfarben – und Werbung von Cannabis-Produkten wie medizinischen Pillen oder Designer-Bongs, die auf den ersten Blick kaum von Luxusmode-Anzeigen in Hochglanzmagazinen zu unterscheiden sind.

Re-Branding der Cannabiskultur

“Für unsere Leserschaft ist Cannabis ein Element in ihrem Lebensgefüge, nicht der alleinige Fokus”, schreibt Charbonneau in “High on Design” und bringt damit den neuen, reflektierten, aber natürlich auch kommerzielleren Umgang mit Cannabis auf den Punkt, den das Buch überblicksartig zusammenfasst . Die New Yorker Firma Veil vermarktet Öl-Essenzen in schönen grünen Kosmetikflaschen als Geruchsneutralisierer gegen den Rauch. Grav Labs aus Texas stellen hochwertige und futuristisch designte Glaspfeifen und Bongs her. Und das kanadische Unternehmen Verde Vie produziert neben Papers und Feuerzeugen auch Entspannungskerzen und Schlafmasken. Das Re-Branding der Cannabis-Kultur schreitet voran.

High on Design |  Bild: High on Design

“Access Through the Chic Shop”: Cannabis als Luxusartikel

Aber der Wandel geht über die rein marktwirtschaftlichen Aspekte hinaus. Das Startup Goldleaf konvertiert wissenschaftliche Forschung in minimalistische Grafiken und verkauft Prints mit den Molekularstrukturen von 24 verschiedenen organischen Substanzen. Und der dänische Sternekoch Claus Henriksen experimentiert mit Cannabis und Hanf in der Haute Cuisine und hat sich unter Gourmets damit einen Namen gemacht: Er kocht mit Hanföl, nutzt es als Gewürz für Hummer oder Langusten, oder stellt mit Cannabis geräucherten Weichkäse her. “Erst jetzt würden die Leute entdecken, dass Hanf fantastisch schmeckt und Aromen hinzufügt, die man nirgendwo sonst finden kann.”

Von der Kriminalisierung zur Glorifizierung einer Pflanze

Dass sich Cannabis überhaupt zu einem solchen Politikum und Mythos entwickelt hat, ist fundamental auf dem Mist der US-amerikanischen Prohibitionspolitik und -propaganda gewachsen. Erst das künstlich hochgejazzte und maßlos übertriebene Gefahrenpotenzial von Cannabis durch die Politik, wie die von Harry Anslinger initiierte “Mörder der Jugend”-Kampagne, machte die Pflanze später als Symbol der Gegenbewegung interessant: Kiffen gegen den Irrsinn der konservativen Propaganda.

Heute machen sich Eltern wohl weniger Sorgen darüber, wenn ihre Kinder irgendwelchen seltsamen Kräuter rauchen, sondern fragen sich eher, welche genau. Mit dem Wegfall der Rebellion muss der Konsum von Cannabis heute mit neuem, zeitgeistigerem Sinn gefüllt werden: Mentale Gesundheit, Naturverbundenheit, Selbstliebe. Insofern sind die neuen Bilder und Marken, die aus Nordamerika auch irgendwann zu uns herüberschwappen werden nur zeitgemäß und reflektieren einen Zustand, der auch hier längst die Realität abbildet.

Dass die einhergehende Kommerzialisierung auch kritisch hinterfragt werden muss, steht außer Frage. Aber da können wir bei der Alkohol- und E-Zigarettenwerbung gleich mal mit ansetzen. Wenn sich aber eines gerade an der jüngeren Cannabis-Geschichte zeigt, ist, dass ein bewusster und aufgeklärter Umgang mit Drogen allemal dem Irrsinn und den Folgen einer Kriminalisierung vorzuziehen ist. Der Kiffer ist tot. It is lebe die Cannabiskultur.

“High on Design. The New Cannabis Culture” is im Gestalten Verlag erschienen

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